Pfingstgottesdient zum Konzil von Nicäa

Predigt von Pfarrerin Ulrike Krumm

Predigt zum Nicäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis am Pfingstsonntag in Fahrnau und Gersbach

Greek: ὁμοούσιον τῷ π[α]τρί, translation: "of one being [omo-ousios] with the father"
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
dieses Jahr wird in den beiden „großen“ Kirchen, wie man früher sagte (heute sind sie ja nicht mehr ganz so groß!), also in der katholischen und der evangelischen Kirche, ein etwas merkwürdiges Jubiläum gefeiert. Nicht 500 Jahre Luthers Thesenanschlag, wie vor ein paar Jahren, sondern ein Jubiläum, bei dem die Zahl der Jahre mehr als dreimal so groß ist. Mehr als 3x500, mehr als 1500 – was war denn da? Das muss ja noch ziemlich am Anfang der christlichen Kirche überhaupt gewesen sein, und natürlich längst vor Luther. Stopp, da gab es dann die Evangelischen ja noch nicht, wieso feiern wir dann ein Jubiläum? Gute Frage, merken wir uns die mal … jedenfalls: In diesem Jahr feiern beide christliche Kirchen das Jubiläum: 1700 Jahre Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel.
 
Nicäa – was? Nie gehört. Geht mich nichts an, werden vermutlich die meisten sagen. Warum es uns doch etwas angehen könnte, das versuchen wir heute herauszufinden. Wir – denn Sie müssen auch etwas dafür tun. Nämlich das Bekenntis im Gesangbuch aufschlagen … EG 882.
Bitte blättern Sie kurz einmal eine Seite nach vorne: da finden Sie ein anderes Glaubensbekenntnis. Nämlich das, das wir normalerweise in unseren Gottesdiensten sprechen. Spätestens seit Corona lassen wir es öfters weg, darum können es manche nicht mehr so ganz sicher. Aber trotzdem: Das apostolische Glaubensbekenntnis, wie es offiziell heißt, ist uns auf jeden Fall noch etwas vertrauter. Warum kriegt dann das andere Bekenntnis, das auf der nächsten Seite, ein Jubiläumsjahr?
 
Deswegen zum Beispiel, weil man von dem anderen ein Entstehungsjahr überhaupt weiß! Wann das apostolische Glaubensbekenntnis entstanden ist, weiß keiner so richtig. Irgendwann vorher, das ist klar. Aber nicht in einem bestimmten Jahr. Vielmehr sind ähnliche Texte zu verschiedenen Zeiten und an mehreren Orten entstanden. Nach einem längeren Weg fanden diese Texte dann irgendwann zu einer Einheit zusammen.  Ohne festes Entstehungsjahr auch kein Jubiläum - hat man deshalb auf das andere zurückgegriffen? Aber das wäre ja eine ziemlich notdürftige Begründung.
 
Dieses Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel jedenfalls hat ein Enstehungsjahr. Nämlich das Jahr 381. Ja, wieso? Wir schreiben das Jahr 2025. Haben die Erfinder des Jubiläums sich gedacht: Ach, bis 2081 wollen wir lieber nicht warten, wer weiß, wie es der Kirche dann geht – von uns ganz zu schweigen? Vielleicht. Wenn ja, hieße das: Die Erfinder des Jubiläums hatten nicht einfach Lust, mal wieder ein Jubiläum zu feiern! Sondern sie wollten bewusst mit dem Jubiläum ein Bekenntnis in den Blick rücken. Ihnen schien es wichtig, dass gerade jetzt in unserer Zeit gesagt wird: Schaut mal her, wir haben ein Glaubensbekenntnis. Sogar mehrere. Es ist wichtig, daran zu erinnern: dass unser Glaube ein bekannter Glaube ist. Bekannt im doppelten Sinn: Dass uns bekannt ist, was wir glauben, und dass wir das, was wir glauben aussprechen können, und zwar nicht einfach in den luftleeren Raum hinein, sondern im Gegenüber und im Gespräch mit anderen. Aussprechen – also bekennen. Ja vielleicht sogar, dass unser ganzer Glaube überhaupt ein Bekenntnis ist. Und nicht nur irgendwie so ein Gefühl …
Aber warum gerade 2025? Deswegen, weil dieses Bekenntnis einen Vorläufer hatte. Der entstand im Jahr 325. Darum die 1700. Und darum auch der Name – Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel. Im Jahr 325 einigten sich Kirchenvertreter in der türkischen Stadt Nicäa oder Nikaia, etwas südlich von Istanbul, auf einen Text, der unserem hier schon ziemlich ähnlich sieht. Er war nur um einiges kürzer. Im Jahr 381 entstand dann in Konstantinopel die endgültige Fassung.
 
Was war das für eine Zeit damals? Seit ein paar Jahren hatten die Christenverfolgungen so gut wie aufgehört. Einzelne gab es noch, aber im Grunde konnte sich jetzt das Christentum ungehindert ausbreiten. Das tat es auch, Schritt für Schritt. Darum brauchte es eine gemeinsame Grundlage, die für alle verbindlich war. Diese gemeinsame Grundlage war das Bekenntnis. Das ist schon spannend. Denn heutzutage ist es genau umgekehrt: die großen Kirchen sind nicht mehr groß, das Christentum rutscht zumindest in Deutschland in eine Minderheitenposition. Warum dann gerade jetzt Jubiläum feiern für ein Bekenntnis? Als Ansporn: Leute, wir müssen wieder mehr werden? Oder ist es gerade für eine kleiner werdende Kirche wichtig zu wissen: Leute, was glauben wir eigentlich? Damit man den Grund unter den Füßen nicht ganz verliert? Damit die, die noch bleiben, über ihren Glauben wenigstens reden können? Ja, ich glaube, so ist es. Das ist wirklich wichtig! Damit unsere Kirche nicht völlig in der Isolation verschwindet. Damit wir als Christinnen und Christen nicht völlig in der Isolation verschwinden. Damit wir im Gespräch bleiben über unseren Glauben. Mit allen Antworten und Fragen, die es da gibt. Aber im Gespräch. In einer Gemeinschaft, in der man noch miteinander reden kann. Evangelische und Katholische. Beide. Und möglichst noch andere dazu. Das ist die Antwort auf die Frage vom Anfang: Wenn die eine Minderheit auf die andere Minderheit zeigt und sagt: die ist noch schlechter, wir sind wenigstens die besseren … dann sägt man sich den Ast ab, auf dem man selbst sitzt. Obwohl es leider so menschlich und so naheliegend ist.
 
Aber noch einmal: Warum hat man es nicht bei dieser kürzeren Form aus dem Jahr 325 gelassen? Das wäre doch auch leichter zum Auswendiglernen gewesen! Einfach deswegen nicht, weil die Sache noch nicht ausdiskutiert war. Denn dafür war das Bekenntnis schon im Jahr 325 vor allem wichtig gewesen: Um einen schwelenden Streit nicht einfach weiter schwelen zu lassen, sondern um einen strittigen Punkt beim Namen zu nennen – und dann zu klären. Ein weises Vorhaben! Der strittige Punkt, über den sich die Bischöfe und ihre jeweiligen Gemeinden nicht einig waren, hieß: Sind Jesus und Gott gleich viel wert? Oder steht Jesus als Sohn doch irgendwie unter Gott? Unser Bekenntnis findet eine wortreiche Antwort – schauen wir in den zweiten Abschnitt: „Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn“  – das kennen wir schon. Aber dann: „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“ … auf so wunderschön poetische Weise versuchte man zu sagen: Doch, ja, Jesus ist genauso Gott wie Gott selbst. Warum so poetisch? Ich glaube, deswegen, weil man ahnte: Ganz genau finden wir es doch nicht heraus. Ein Geheimnis bleibt. Warum Gott in Jesus Mensch werden kann und doch Gott im Himmel bleibt – ganz auflösen können wir das nicht. Und das ist auch gut so. Denn ein Geheimnis, so poetisch formuliert, schenkt Freiheit. Ja, so glaube ich es, können wir sagen, auch wenn ich es mir nicht richtig vorstellen kann. Aber auch: Nein, ich kann das nicht so bejahen, für mich ist Jesus ein Mensch und nicht Gott. Aber natürlich ein besonderer. Und „Licht vom Licht“, das klingt schön. Da finde ich mich und meinen Glauben wieder. Da kann ich einhaken und sagen: Mal sehen, was ich noch herausfinde …

Ja, mal sehen – damals merkte man: die Sache war noch nicht geklärt. Die Unstimmigkeiten hörten nicht auf. Und – Unstimmigkeiten ist sehr gelinde ausgedrückt. Damals wurden richtig harte Richtungskämpfe ausgefochten! Es gab durchaus Bischöfe und Gemeinden, die sagten: Nein, da machen wir nicht mit, aus diesem Konsens klinken wir uns aus. Gut, dass die Geschichte danach  weitergegangen ist bis in die heutige ökumenische Bewegung hinein! Bekenntnisse sind immer nach vorne hin offen.
 
Damals merkte man: Es reicht nicht, wenn wir Worte über Jesus finden. Wir müssen auch Worte über den Heiligen Geist finden. So entstand der zweitletzte Abschnitt: „Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird.“ Das ist wunderschön! Einerseits noch einmal die Gleichwertigkeit von Gott und Jesus: der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Andererseits wird genau das aber wieder in ein Geheimnis gehüllt, das man nur anbeten und loben kann: … der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird. Eine Einladung in die Freiheit und ins Gespräch! Das Allerschönste ist für mich aber die Zeile: „…, der Herr ist und lebendig macht.“ Da wird an die Geschichte des alttestamentlichen Propheten Ezechiel erinnert, der in einer Vision lauter Totengebeine liegen sieht – und dann fährt Gottes Atem, sein Geist über die gespenstische Szene, und die Toten werden mit Fleisch bekleidet und stehen wieder auf. Der Geist, der lebendig macht – das haben auch die Freunde Jesu an Pfingsten erlebt: wie sie aus ihrer Lähmung herausgeweht wurden und sich wieder lebendig fühlten in der Freude über Jesus und Gott. Der Geist, der lebendig macht – den dürfen wir heute immer noch spüren: in einem lebendigen Gespräch, das uns erfreut und weiterbringt. In einer lebhaften Diskussion, in der man gemeinsam um ein gutes Ergebnis ringt. In einer lebendigen Gemeinde, in der es immer wieder Menschen gibt, die sagen: Kommt! Ich hätte Lust, es mal auszuprobieren. Macht jemand mit? Der Geist, der lebendig macht – auch uns. Wenn wir das Gespür haben: Trotz allem, was nicht einfach ist und mich belastet: Ich bin froh, dass der Glaube mir etwas bedeutet. Ich bin froh, dass ich Gott irgendwie über mir und in meinem Leben weiß. Ich bin froh, dass Jesus ein anderes Leben vorgelebt hat – eines, das mir den Mut gibt, meinen eigenen Weg zu finden und dazu zu stehen. Und ich bin froh, dass ich zu dieser Gemeinschaft von Menschen gehöre, bei denen ich davon ausgehen kann, dass Gott ihnen etwas bedeutet. Und dass ich ihnen etwas bedeute.

Schenke uns Gott diesen Geist, den Geist, der lebendig macht, den Geist des Glaubens!
Amen.